
Die Schallplatte als lebendiges Objekt
In Zeiten digitaler Musikstreams richtet der Grazer Klangkünstler Nick Acorne den Fokus bewusst zurück auf den physischen Tonträger. Sein neues Album mit dem prägnanten Titel „The Last Meta Pop Album Ever Made“ versteht die klassische Vinylscheibe nicht als bloßes Speichermedium, sondern als eigenständige Hauptfigur der Komposition. Die Scheibe kommentiert ihren eigenen Entstehungsprozess, spielt humorvoll mit den materiellen Grenzen des Formats und fordert das Publikum zur aktiven Interaktion heraus.
Musikalisch entfaltet das Werk über 45 Minuten eine faszinierende Bandbreite aus elektronischer Musik, Pop-Minimalismus, algorithmischen Klängen sowie präpariertem Klavier. Die einzelnen Tracks wechseln abrupt zwischen ästhetischen Ebenen und erschaffen eine vielschichtige Klanglandschaft. Einen detaillierten Einblick in dieses außergewöhnliche Projekt gibt der Radiobeitrag in der Ö1-Sendung Zeit-Ton vom 23. August, der unter nachzuhören ist. Dort erklärt der Künstler persönlich, wie aus der ursprünglichen Idee ein partizipatives Kunstwerk entstand.
Das Label der Side B von Nick Acornes Schallplatte „The Last Meta Pop Album Ever Made“.
Künstliche Intelligenz als sprachliches Instrument
Ein zentrales Gestaltungs-Element der Platte ist der gezielte Einsatz von KI-generierten Stimmen. Nick Acorne nutzt Sprachen wie Englisch, Deutsch, Französisch, Ukrainisch und Japanisch nicht nur als Informationsträger, sondern begreift die menschliche Sprache aufgrund ihrer Rhythmen und Klangfarben als vollwertiges musikalisches Instrument. Die synthetischen Stimmen führen als erzählende Instanzen durch das Album, kommentieren das Geschehen und reflektieren den Produktionsprozess.
Anstatt makellose Perfektion anzustreben, baut der Künstler die unvermeidbaren Fehler, Unschärfen und Glitches der KI-Tools bewusst als Stilmittel in seine Kompositionen ein. Dies gewährt ihm im eigenen Studio maximale künstlerische Freiheit, ohne auf externe Vokalisten angewiesen zu sein. Die synthetischen Sprachaufnahmen treten dabei in einen Dialog mit den analogen Instrumenten. Was den Künstler zu diesem innovativ-skurrilen Ansatz getrieben hat, verrät er auf seiner Website.
Spielerische Interaktion und physikalische Grenzen
Das Werk fordert die Hörer auf, aktiv mit dem Plattenspieler zu interagieren und gewohnte Hörgewohnheiten zu hinterfragen. So fordert die Platte etwa dazu auf, die Abspielgeschwindigkeit von 33 auf 45 Umdrehungen pro Minute zu erhöhen. Gleichzeitig widerspricht die französische Sprachspur dieser Anweisung augenzwinkernd und rät dazu, lieber entspannt ein Glas Wein zu genießen. Diese widersprüchlichen Anweisungen erzeugen ein amüsantes Verwirrspiel, das den Rezipienten die Freiheit lässt, das Klangmaterial eigenständig zu erforschen.
Einen besonderen Höhepunkt bilden sogenannte Locked Grooves, also geschlossene Endlosrillen, die die Tonarmnadel in einer Dauerschleife festhalten. Erst durch manuelles Anheben der Nadel geht das Album weiter. Selbst die Skepsis des Presswerks, das solche Endlosrillen mitten auf der Platte zunächst für unmöglich und unsinnig hielt, wurde von Acorne kurzerhand als gesprochene Szene in den Track „Entschluss“ eingebaut. So wird der physikalische Widerstand der Produktion selbst zum humorvollen Bestandteil dieser außergewöhnlichen Veröffentlichung.